Von Anne-Kathrin Heier und Johannes Groß

Es ist ein Betonmonster, das einen sanften Spitznamen trägt. Die Memi wird  der räudige Plattenbau an der Memhardstraße von seinen Bewohnern zärtlich genannt.  Die Memi wurde  in den Achtzigern gebaut, ein paar Jahre bevor es mit der DDR zu Ende ging. Seither hat sich ringsherum vieles verändert, das Haus aber ist geblieben, wie es immer war. Zu DDR-Zeiten lebten hier  vor allem privilegierte DDR-Bürger, nach der Wiedervereinigung zogen Drogendealer und Kriminelle durch die langen  Hausflure. Inzwischen ist die Memi   ein bunt gemischtes Haus geworden. Wand an Wand leben hier Rentner, Studenten, Familien, Einzelgänger.

Koloss mit tausend Augen: Hauskomplex in der Memhardstraße. (Foto: Johannes Groß)

Koloss mit tausend Augen: Gesamtansicht des Hauskomplexes in der Memhardstraße. (Foto: Johannes Groß)

Nein, die Memi ist wirklich nicht schön. Überquert man,  vom Alexanderplatz kommend, die Karl-Liebknecht-Straße, wird das Haus mit jedem Schritt trostloser. Der Blick wandert an der räudigen Fassade hinauf, vorbei an dutzenden Fenstern. Dort, wo die Frontseite von den Architekten  mit einem Knick versehen wurde, ragt ganz oben ein einsamer Ausguck aus dem Beton. Es kursiert die Legende, das Fenster sei einst für  die Tochter des Stasi-Chefs Erich Mielke geplant worden, die  in der zugehörigen Wohnung gelebt haben soll.

Die Memi atmet den Dreck der Stadt, vibriert im nie versiegenden Autoverkehr. Trotzig, aufmüpfig, an Altem festhaltend – und entschlossen, zu bleiben. Vor dem Haus liegt schwerer Fleischgeruch in der Luft. Er kommt aus der Küche des Escados, einem argentinischen Steak-Restaurant, das über eine Treppe zu erreichen ist. Früher war  hier das Presse-Café. Der flache Bau scheint über dem breiten Fußgängerweg frei zu schweben, unterhalb versteckt sich einer der insgesamt vier Eingänge mit der Adresse Memhardstraße 6. Der Eingangsbereich ist in grelles Halogenblau getaucht. In einem Schaukasten hängt ein Zettel, der über einen Nachmittag im „Tobe-Raum“ für Kinder informiert, es soll Würste und Nudeln geben. Die Türen sehen in jedem  Stockwerk anders aus, verraten einiges über die dahinter lebenden Bewohner. Aufkleber mit dem Gesicht von Bud Spencer, „Betteln verboten!“,  „Home Sweet Home“, „Bissiger Hund!“. Ab und zu rumpelt von weitem der Aufzug. In jedem Stockwerk gibt es einen Müllschlucker, die Türen zum Schacht sind abgeschlossen. Nur selten begegnet man Menschen.

Im Einsatz für die Memi, auch wenn die Resonanz manchmal ernüchternd ist: Ines Külper. (Foto: Johannes Groß)

Im Einsatz für die Memi, auch wenn die Resonanz manchmal ernüchternd ist: Ines Külper. (Foto: Johannes Groß)

Ines Külper trägt Jeans und einen Pulli, die Ärmel sind hochgekrempelt. Im Jahr 2011 hat sie den Memi-Treff in der 2. Etage aufgebaut. Das ist ein offener Raum, in den an zwei Nachmittagen in der Woche alle Mieter eingeladen sind, um sich auszutauschen,  ihre Sorgen loszuwerden. Ines Külper arbeitet freiberuflich als Nachbarschaftshelferin. Mit der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM), hatte sie bereits vor ihrem Engagement in der Memi zusammengearbeitet. Dann kam der Tag, an dem die WBM Ines Külper erneut um Hilfe bat. „Es brennt!“, hieß es damals. In den Treppenhäusern wurde gedealt, es gab Beschaffungskriminalität, Prostitution, eine 24-Stunden-Security, von “Junkie-Terror“ war die Rede, die Hausgemeinschaft drohte auseinanderzufallen.

Ines Külper initiierte eine Zukunftswerkstatt, schrieb Briefe an sämtliche Mieter. „Meine Aufgabe bestand vor allem darin, die Angst aus dem Haus zu bekommen“, erinnert sie sich heute. Das scheint irgendwie geklappt zu haben, das Gemeinschaftsgefühl ist wieder da. „Manchmal kommen bis zu einem Dutzend Mieter in den Treff, oft auch Kinder, mit denen wir dann spielen. An anderen Tagen sind es nur zwei oder drei“, sagt  Ines Külper.

Zu DDR-Zeiten lebten im Haus hauptsächlich Leute aus dem Staatsdienst, Professoren, sogar Minister. Sie residierten in verhältnismäßig luxuriösen 4-Raum-Wohnungen mit Parkett. Die 1-Raum-Apartments bewohnten  Gastdozenten der Humboldt-Universität. Nach der Wende war das Haus dann schlagartig so gut wie leer. „Alle möglichen Leute sind eingezogen“, sagt Ines Külper. Die Mischung funktionierte nicht, Reparaturen blieben aus. „Durch den Memi-Treff und die Verschönerungsarbeiten mit Hilfe von  Freiwilligen ist bereits einiges passiert. Die Flure wurden nach und nach gestrichen, Wandbilder sind entstanden.“ Abgeschlossen ist die Arbeit von Ines Külper aber noch lange nicht. Es gibt Dinge, die nicht in ihrer Hand liegen. In den Fluren zum Beispiel seien an einigen Stellen Dehnungsrisse zu erkennen. „Das Haus ist vergleichbar mit einem kaputten Auto. Wir schieben es nur noch an.“

Ein mit Holzlatten vernagelter Tresen und ein riesiger Blumenstrauß sind  die einzigen Dekorationselemente in der Boutique „apartment“ an der Memhardstraße 8. Ansonsten ist hier alles weiß. Und leer. Ein Laden, in dem einfach gar nichts ist. Eine Wendeltreppe führt in den Keller,  in dem T-Shirts verkauft werden, vom denen keines unter 200 Euro kostet. Man muss wissen, dass es diese Treppe gibt, sonst könnte man denken, der Laden wäre längst geschlossen. Das sind so Seltsamkeiten in diesem Haus. Ein Laden, der sich im Keller versteckt , in dem Klamotten verkauft werden, deren Einzelpreise an die monatlichen Mieten der Menschen in den Stockwerken darüber heranreichen. Claudia, die als Verkäuferin im „apartment“ arbeitet, erscheint. Gibt es Berührungspunkte mit den Bewohnern aus der Memi? „Eigentlich nur, wenn die Asis von oben ihren Müll vor unseren Eingang werfen“, sagt sie. Eine der Wohnungen habe sie mal von innen gesehen. „Die war erstaunlich schön“. Der Laden profitiert  vom maroden Charme des Baus. Gelegentlich wird die weiße Galerie für Veranstaltungen gemietet, vor allem während der Fashion Week im Frühjahr. Es ist schick, diese Diskrepanz zwischen Plattenbau und Haute Couture.

„Es ist doch viel cooler, hier zu wohnen als in einem dieser typischen Altbauten“, sagt Julius. Er ist 24 Jahre alt, studiert Medizin. Auf der sechsten Etage führt er mit seinen Mitbewohnern Carina (24, Architekturstudentin) und Itzhak (27, Architekturstudent) ein etwas anderes Alltagsleben als seine Kommilitonen. Die WG sitzt gerade beim Abendessen. So wie vermutlich etliche andere Bewohner zur selben Zeit an ihren gedeckten Tischen sitzen, einige davon vor Gerichten, die aus ihrem Herkunftsland stammen und nach Heimat schmecken. „Dass so viele verschiedene Nationalitäten in der Memi leben, ist einfach toll!“, findet Carina.

Harmonie statt Nostalgie: Julius, Itzhak und Carina beim gemeinsamen Abendessen. (Foto: Johannes Groß)

Harmonie statt Nostalgie: Julius, Itzhak und Carina beim gemeinsamen Abendessen. (Foto: Johannes Groß)

Vor vier Jahren haben sie die Wohnung bezogen. „Damals war das alles schon noch sehr schäbig und verwohnt“, erinnert sich Carina. Sie hatte die Maisonette-Wohnung in der Memi allein besichtigt und danach zu Julius gesagt, er müsse das unbedingt mit eigenen Augen sehen, dürfe aber nicht erschrecken. Julius lacht, wenn er daran zurückdenkt. „Wir konnten drei Monate lang mietfrei wohnen und haben die Zeit für die Renovierung genutzt.“ Julius hat halblange Haare, ist nicht nur Medizinstudent, sondern auch Musiker. Das sieht man, wenn man in sein  Zimmer kommt. Dafür gehen wir die schmale Wendeltreppe nach unten. An der Wand hängen drei Gitarren.

Julius und Carina stammen aus dem Westen der Stadt. Itzhak ist vor vier Jahren aus Jerusalem nach Berlin gezogen. Er ist der ruhigste von den Dreien, trägt eine kleine, runde Brille und einen Dreitagebart. „Mein Beweggrund, hier einzuziehen, waren am Anfang eher die Leute“, sagt er und zeigt auf Julius und Carina. Außerdem sei die Lage mit der guten Verkehrsanbindung in alle Richtungen einfach unschlagbar. „Das stimmt schon, nur so richtig gelebt wird hier nicht“, meint Julius. „Der Alex ist schwierig.“ Eine Durchgangsstation sei das. Seine Freundin wohnt im Wedding. Das Lebensgefühl ließe sich überhaupt nicht vergleichen. Da sei zum Beispiel der Leopoldplatz. Man treffe sich auf dem Markt, in den Cafés, an der Schlange der Kiezläden. Wer dort lebe, fühle sich möglicherweise mehr mittendrin als hier, in der Mitte der Stadt.

„Ach, die Memi, das ist eben ein Einzelstück“, sagt Carina. Sie trägt ein weißes Trägershirt und langes braunes Haar, zu einem Zopf gebunden. Ihre Sicht auf die Memi ist die einer Architektin. „Es gibt da ja schon einen Unterschied zwischen Ost und West. Die Menschen aus dem Osten sehen in dem sonst so begehrten Altbau keine besondere Qualität. Für viele ist die Platte oder ein Gebäude wie die Memi, die man ja nicht als typischen Plattenbau bezeichnen kann, das einzig Wahre. Eine Alternative gibt es nicht. Sie assoziieren mit Altbau eher etwas Dreckiges, Altes, Miefiges.“

Die Haustür öffnet sich. Eine ältere Dame mit weißem, hochtoupierten Haar will eigentlich nicht sprechen. Abgewandt, in Richtung Alex, die Augen sind schon ganz woanders. „Über das Leben in der Memi erzählen? Wozu? Was soll das bringen? Das ist ein hässliches Haus. Niemand kümmert sich. Dort drüben“, sie zeigt in Richtung Friedrichshain und meint den Platz der Vereinten Nationen, „da haben sie alles saniert. Das sind schöne Wohnungen geworden. Aber hier?“ Sie reibt Daumen und Mittelfinger ihrer rechten Hand aneinander. „Woher das Geld nehmen?“, fragt sie. Früher sei alles besser gewesen. „Aber was die heute hier einziehen lassen, das ist ein Skandal.“

Die Praxis von Gabriele Böttcher öffnet in einer Stunde. Zwischen den Sätzen ihrer freundlichen Begrüßung schwingt eine große Portion Skepsis mit. Im Empfangsbereich stehen schwarze Ledersofas, auf die wir uns setzen. Gabriele Böttcher holt einen Bericht über das Haus aus dem Jahr 2010 hervor. Darin wird die Memi als „das hässlichste Haus der Welt“ bezeichnet. Klar, das ist übertrieben. Die 59-Jährige erzählt davon, dass die Memi damals ein total ordentliches Haus mit einer funktionierenden Hausgemeinschaft war. Wann war das, damals? „Na vor der Wende.“

Eingang zur Zahnarztpraxis von Gabriele Böttcher. (Foto: Johannes Groß)

Eingang zur Zahnarztpraxis von Gabriele Böttcher. (Foto: Johannes Groß)

Im Gespräch mit der Zahnärztin wird deutlich, wie sehr die Zäsur der Wiedervereinigung heute noch nachwirkt. „Nach der Wende war hier sofort nichts mehr wie vorher“, sagt Gabriele Böttcher. Dennoch konnte sie 1992 nach langem Bangen und Hoffen ihre Praxis in der Memhardstraße eröffnen. Nun hat sie noch sieben Jahre, bis sie in Rente geht. Ihre Assistentin, die am Empfang sitzt, kommt aus dem Westen der Stadt, aus Reinickendorf. Manchmal, sagt sie einmal, spüre sie noch die alte Angst, am Alex von der Volkspolizei kontrolliert zu werden.

Gabriele Böttcher fährt morgens mit dem Fahrstuhl zur Arbeit. Im achten Stockwerk bewohnt sie eine große Wohnung mit vier Zimmern, ihre Kinder sind hier aufgewachsen. Wie fühlt es sich an, in der Memi zu leben? „So schlecht ist es hier nicht. Die Waschmaschine sieht im Regen auch scheiße aus“, sagt sie. Mit der Waschmaschine meint sie das Kanzleramt, das knapp 300 Millionen Euro gekostet hat. In die Memi hingegen sei lange kein Geld mehr geflossen, hier wird das meiste provisorisch geflickt. Trotzdem oder gerade deshalb sprechen die Menschen, die hier leben, von einer starken Bindung zum Haus. „Und mir würde die zentrale Lage fehlen, wenn ich umziehen müsste“, erklärt Gabriele Böttcher. „Jeder, der zu mir kommt, rennt erstmal ans Fenster“.

Gleich muss Gabriele Böttcher die Praxis öffnen. Vorher zeigt sie noch auf eine alte Ansichtskarte aus der Memhardstraße, die eingerahmt im Empfangsbereich steht. Man sieht eine stark nachkolorierte Fotografie aus den 1980er Jahren, die Memi wirkt modern und majestätisch. Immer wieder der Blick zurück. Die Sitzgarnituren vor der Memi erinnern an ein Vereinsheim. Auf den Bierbänken sitzen ein paar Leute, nach kurzer Zeit fällt der Satz: „Wartet auf Kondziele, der kann euch mehr über das Haus erzählen.“ Von dem Namen war vorher in  den Wohnungen und Treppenhäusern schon die Rede, dann taucht er plötzlich auf – die Umstehenden nicken uns bedeutungsvoll zu.

Kondziele, der von keinem der Bewohner mit seinem Vornamen Jörg angesprochen wird, hat helle blaue Augen. Er setzt sich gegen das Licht in Richtung Straße. Dadurch werden die Augen noch leuchtender und verjüngen sein schon ein wenig verlebtes Gesicht. Er mag sechzig, fünfundsechzig Jahre alt sein. In die Memi zog er vor vierzehn Jahren, aus Sehnsucht nach der typischen Berliner Lebensweise, sagt er.

Kondziele ist ein großer Erzähler und als solcher bekannt  in der Memi. Neuankömmlinge grüßen ihn, klopfen ihm auf die Schulter. Kondziele wirkt wie einer, der diesen Ort im Griff hat. Auch er spricht von der Wende. Von dem Unterschied zwischen Damals und Heute. Manche Sätze kehren immer wieder: Früher gab es keine Arbeitslosen. In der DDR war auch nicht alles schlecht. Wir hatten doch alles, was wir brauchten. Kondziele fragt sich, was wohl wäre, wenn der alte Zille heute noch einmal durch Berlin ginge: „In Rixdorf ist nach der Wiedervereinigung nicht mehr so viel Musike und am Bahnhof Zoo hält ooch keen großer Zug mehr. Dafür ham wa jetzt nen piekfeinen Bahnhofspalast der Republik.“

Kondziele und Adam: "Ich will nur ein Foto machen wenn er auch drauf ist." (Foto: Johannes Groß)

Kondziele und Adam: “Ich will nur ein Foto machen wenn er auch drauf ist.” (Foto: Johannes Groß)

Lebt er gerne hier? Kondziele lächelt. „Hier kommt man ohne Fernseher aus. Du setzt dich hin und musst nur noch gucken. Das ist aufregender als jeder Krimi.“ Er zündet sich eine Zigarette an.  „Ich brauche die Action.“ Dementsprechend gestaltet er auch seinen Tagesablauf. Steht sehr früh am Morgen nach drei bis vier Stunden Schlaf auf und macht dann die erste Runde über den Alexanderplatz. „Da beobachte ich seit einiger Zeit die Zigarettensammler. Die sammeln die nicht ganz abgerauchten Stummel ein und horten ihren Vorrat für den Tag. Das ist immer wieder ein kurioses Bild.“ Kondziele hält seine Erlebnisse fest, schreibt alles auf – allerdings nur in der Nacht. Den Tag verbringt er als Beobachter, als Berater, als Freund und Ansprechpartner, wenn Bekannte aus dem Haus ein Anliegen haben. Und er hilft, wo er kann.

Carina aus der WG erinnert sich an den Tag, als Julius und sie sich ausgesperrt hatten. „Kondziele war gleich zur Stelle. Er hat einen Kumpel angerufen, der in der Memi wohnt und Handwerker ist. Zu zweit haben sie die Tür aufgehebelt, die mussten sogar einen Teil aus dem Rahmen herausschneiden. Dann kam der Sicherheitsdienst, und am Ende saßen alle zusammen im Wohnzimmer.“

In dem Bistro vor der Memi stößt schließlich Adam dazu. Auch er wohnt hier, stammt ursprünglich aus Polen. Adam ist unter anderem Künstler. Er hat im Treppenhaus der Memi einige Wände mit Graffiti und bunten Malereien verziert, in manchen Stockwerken fühlt man sich wie in einer Ausstellung für moderne Kunst. Adam trägt dunkles kurzes Haar und redet nicht viel. Als wir ihn fotografieren möchten, erklärt er sich nur unter einer Bedingung dazu bereit: Kondziele muss mit aufs Bild.

Einzelgänger zwischen Beton und Brandmauer. (Foto: Johannes Groß)

Einzelgänger zwischen Beton und Brandmauer. (Foto: Johannes Groß)

Für den Architekten Julian Marhold ist die Memi keine Unbekannte: Bereits bei seinen Streifzügen durch das Berlin der frühen Neunziger Jahre fiel ihm der Bau auf. Julian Marhold hat in Dortmund studiert und zehn Jahre lang an der Uni Weimar unterrichtet. Heute betreibt er eine Bar im benachbarten Prenzlauer Berg, außerdem Berlins kleinstes Hotel. Auf Streifzug durch die architektonischen Landschaften der Hauptstadt geht er noch immer.

Es ist ein besonderes Gebäude” (0:52)

Die Funktion repräsentativer Stuckverzierungen, wie man sie von Altbauten kennt, nehme bei der Memi die gebrochene Oberfläche ein. Julian Marhold ist fasziniert von der Schaffung einer gestalterischen Aussage mit minimalen Mitteln. „Die Ost-Ästhetik wurde überall wegsaniert. Dadurch geht etwas verloren, weil diese Bauweise ein Zeitzeuge ist“, sagt er. Dann fällt das Wort „Gentrifizierung“. Die Zukunft der Memi könne nur über Investitionen gesichert werden, sagt Julian Marhold. Das bedeute zwangsläufig, dass die Mieten steigen. Für ihn ist Gentrifizierung keine ausschließlich schlechte Entwicklung, denn aktuelle Mieter könnten bei einer Sanierung des teilweise maroden Komplexes bezuschusst werden.

 “Gute Gestaltung ist überall möglich” (0:39)

In Berlin-Mitte kostet eine Wohnung im Durchschnitt mittlerweile rund 13,50 Euro pro Quadratmeter. Das ist weit über dem Niveau der Mieten in der Memi. Eine Mieterin verrät uns, sie zahle für ihre Maisonette-Wohnung nur die Hälfte dieses Preises. Die Memi ist eine der letzten Bastionen günstigen Wohnens im Umkreis. Das ist auch deshalb möglich, weil  noch unklar ist, wie es rund um den Alex weitergeht.

Der Großteil der Mieterschaft sieht der Zukunft erstaunlich gelassen entgegen. Wo dreißig Jahre lang kaum etwas passiert sei, da werde nicht von heute auf morgen Schluss sein. Julian Marhold glaubt, dass die Memi bisher schlicht vergessen wurde.

 “Das Ding steht immer noch” (0:22)

Die Memi wurde 1984 fertiggestellt. Die Pläne zum damals wie heute außergewöhnlichen Bau stammen von den Architekten Klaus Bläsing, Lothar Kwasnitza und Klaus Deutschmann. In den Anfangsjahren glänzte die Fassade regelrecht, galt als Besonderheit im Einheitsgrau der Plattenlandschaften. Heute sind die schweren, gewellten Betonplatten verdreckt, die eigens untergemischten glänzenden Gesteinsteilchen funkeln nicht mehr, wenn die Sonne scheint.  „Hier ist der Punkt erreicht, an dem man etwas machen muss. Wenn dann aber das Styropor draufgeklebt ist, dann war’s das. Wenige Leute verstehen, dass das Haus eine Relevanz hat. Alles wegzuputzen und abzureißen, was an die Vergangenheit erinnert, das hilft auch nicht“, sagt Julian Marhold, als er durch das dunkle Treppenhaus nach unten geht.

Dann geht es noch mal hoch hinauf, in die zwölfte Etage. Celli und Sven leben hier mit ihrer 7-jährigen Tochter Luna. Sie sitzen in der Küche, Postkartenblick auf den Fernsehturm. Celli und Sven bauen gerade das Arbeitszimmer um, schaffen Platz für sechs Nähmaschinen, mit denen Celli ihre Modekreationen anfertigt. Gerade arbeitet sie an einem speziellen Cape für eine Rollstuhlfahrerin, passt das Kleidungsstück auf die Bedürfnisse der im Alltag beeinträchtigten Frau an. Auch Sven wird hier arbeiten. Er ist Web-Entwickler und hilft dabei, ein Online-Meldesystem gegen Wirtschaftskriminalität zu betreiben. Nebenbei kümmert er sich um eine Reihe privater Webseiten.

Familienglück in der Memi: Celli und Sven mit Tochter Luna. (Foto: privat)

Familienglück in der Memi: Celli und Sven mit Tochter Luna. (Foto: privat)

„Wir gehören im Memi-Treff zum harten Kern“, erzählt Sven. Er findet es schade, dass das Angebot und die Aktionen von Ines Külper nicht noch besser angenommen werden. „Früher war es normal, sich im Partyraum zu treffen“, sagt Sven. Er stammt aus Cottbus, wohnt inzwischen seit mehr als zehn Jahren in der Memi. „Ich hatte früher nie das Gefühl, irgendwo bleiben zu können“, sagt Celli, „aber hier habe ich mich zum ersten Mal zuhause gefühlt“.

Celli und Sven vergleichen die Memi mit einer Stadt, die gepflegte und weniger gepflegte Bezirke hat. Celli sitzt am geöffneten Fenster vor der in warmes Sonnenlicht getauchten Dachlandschaft. Tochter Luna liegt schon im Bett. Sie geht nahe der Jannowitzbrücke zur Schule, hat noch nie an einem anderen Ort gelebt als in der Memhardstraße. Celli und Sven kennen sich seit sechzehn Jahren. Sogar ihre Hochzeit wurde im Memi-Treff gefeiert. Eine Nachbarin, die Köchin ist, organisierte das Catering, im Gegenzug strichen Celli und Sven später ihre Wohnung. Als wir uns verabschieden, bemerken wir einen Zettel an der Küchentür. „Sind in der Memi“, steht darauf. Celli hängt ihn auf, wenn sie mit Luna in der zweiten Etage bei Ines Külper vorbeischaut.

Immer, wenn man die Memi betritt, setzt ein elektrisierendes Gefühl zwischen Nostalgie und Abenteuerlust ein. In den Fluren duftet süßlich das Linoleum, an den Decken schlängeln sich wulstige Rohre wie Adern durch das Haus, sie versorgen hunderte Menschen. Manche von ihnen leben ganz unscheinbar, andere drängen sich auf. Wieder andere kommen freiwillig, um das Haus in Schuss zu halten. Ganz klar: Die Memi hat eine besondere Kraft, sie ist mehr als ein Haus. Erbaut im real existierenden Sozialismus, wurde sie  von der Entwicklung des modernen Berlins abgehängt. Wie lange wird sie noch bleiben, wie sie immer war?

Vielleicht wird Luna, die Tochter von Celli und Sven, eines Tages auf eine Reihe von schicken Townhouses blicken und ihren Kindern erzählen, dass dort, am Rande des Alexanderplatzes, irgendwann einmal die Memi stand. Ein hässliches, schönes Haus, in dem sie aufgewachsen ist.